Ich erinnere mich nicht an den Schmerz.
Nur an die Stille danach.
Diese Art Stille, die selbst der Wind nicht berührt.
Wenn der Wald innehält. Wenn alle warten.
Ob du stehen bleibst.
Oder fällst.
»Du hast gezittert.«
Ein Flüstern in meinem Kopf. Vertraut.
„Ich war siebzehn", murmele ich. „Natürlich hab ich gezittert."
»Nicht vor Angst. Vor Hunger.«
Ich lache leise. Trocken. Ohne Wärme.
„Vielleicht."
Der Kreis war kalt.
Obsidian unter den Knien.
Blut der Ahnen an den Steinen.
Mein Vater stand vor mir - wie ein Schatten.
Kaer neben ihm. Wie sein Schatten, seine rechte Hand.
Und ich musste mich beweisen.
Kaer trat vor, mit nichts als Pflichtbewusstsein.
Er war nie einfach nur grausam, er war einfach gehorsam ohne zu fragen.
Das macht ihn so gefährlich.
Er schlug mich hart.
Schnell. Präzise. Ohne Zorn.
Und als ich am Boden lag, Blut im Mund, das Echo meines eigenen Keuchens in der Brust -
»Jetzt«, flüsterte er. »Lass mich.«
Ich hätte ihn lassen können.
Revyn.
Ich hätte dem Wolf die Zügel geben können. Nur für einen Moment.
Aber dann wäre nicht ich es gewesen, der die Prüfung besteht, sondern er der sie verliert.
Also stand ich wieder auf.
Wieder schlug Kaer mich nieder, und wieder stand ich auf. Nach dem 17. Schlag, riss mir schließlich doch die Geduld und ich stand nicht einfach nur auf.
Kaer lag keuchend am Boden - für den Moment besiegt. Mein Vater sagte nichts.
Er nickte in meine Richtung und Kaer nahm seine Prüfungsmaske ab die er getragen hatte.
Doch ich hob sie nicht auf, ich drehte mich lediglich um.
In diesem Moment begriff ich die Prüfung.
Es war nicht das aushalten, sondern das Wissen, wann man spielen musste um zu siegen.
Also würde ich spielen.
»Und das war der Moment, in dem sie dich zu fürchten begannen.«
„Nein", murmele ich. „Das war der Moment, in dem ich begriffen habe, wie ich sein muss um das zu werden was mir bestimmt ist.
Revyn schnurrt wie ein Tier im Dunkeln.
»Dann hast du endlich verstanden, was wir sind.«
„Ok. Sei froh das ich dich nicht windelweich prügeln durfte.", höre ich Kaer hinter mir. Ein Lob auf Velvarin-Art.
»Er will das wir fragen, zu kreuze kriechen.«
Ich werde nicht fragen.
»Natürlich nicht. Wir werden es verdienen und ihm keine Wahl lassen.«
Mein Vater erhebt hinter mir die Stimme, sodass ich mich ihm zuwenden muss.
„Du bist jetzt Teil der inneren Fünf. Du wirst lernen. Beobachten. Führen."
Ich sagte nichts.
„Was ist?", fragte er. „Wolltest du den Titel gleich mit deinem ersten Blut?"
„Nein", antwortete ich.
»Nein weil er uns sowieso längst zusteht.«
Als die Zeremonie endlich vorbei war, klebte das getrocknete Blut noch immer an mir.
Ich stand allein am Steinkreis.
Mein Vater trat neben mich und reichte mir einen Dolch. Alt und silbern.
„Nimm ihn. Er gehört jetzt dir, da du deine innere Bestie zähmen und kontrollieren kannst, sowie die Prüfung absolviert hast.", sagte er mit kühler Stimme.
Ich nahm ihn nicht sofort.
„Revyn ist nicht gezähmt, wir sind lediglich eins.", antwortete ich ihm.
„Und das ist gefährlich, sowie es dich gefährlich macht.", erklärte er tonlos nickend.
„Ich weiß.", sagte ich, während ich nach dem Dolch griff.
Sie schreit nicht.
Es ist fast enttäuschend.
Nur das scharfe Einatmen, das leise reißen von Haut, als sie fällt - in die Dornen, genau wie geplant.
Ich habe nur ihren Weg gelenkt. Der Rest war ihre Bewegung. Ein kleiner Impuls - mehr brauchte es nicht.
Ich trete zurück. Trete immer zurück.
Ein Schatten im Schatten, wenn es sein muss oder nützlich ist.
Die Dornen trinken ihr Blut, und ich... genieße den Anblick.
Revyn regt sich.
»Zu wenig. Du hättest sie tiefer stoßen sollen.«
Nein das reicht. Die Dornen erfüllen ihre Aufgabe. Sie werden die Blutlinie wecken.
Ich lasse sie dort zurück, drehe mich wortlos um. Der Wald empfängt mich mit offenem Maul. Ich verschwinde darin wie Rauch.
Warte. Beobachte, aber jage nicht mehr.
Und dann ist sie da. Sie schleppt sich humpelnd aus der Ruine, blutend, verwirrt, erschrocken.
Perfekt.
»War´s das? Wird sie nun erwachen?«
Revyns Stimme ist ein heiseres Knurren in meinem Innern.
Hungrig. Unruhig.
Ich lächle.
Von jetzt an, wird es ganz allein seinen Lauf nehmen.
Sie wird inzwischen geschmeckt haben, was in ihr schläft. Wenn sie auch nicht begreift was das bedeutet.
Hat gespürt, dass etwas lauert - unter Haut, unter Knochen.
Nicht mehr lange, und sie wird es nicht mehr ignorieren können.
Die Wölfin kratzt bereits an ihren Gedanken, ihrem Käfig.
Ich könnte ihr folgen.
Könnte hinter ihr her, sie einholen, ihr sagen, dass es gut ist, was passiert.
Dass ich bei ihr bin, ihr helfen könnte. Dass ich sie verstehe.
Lügen, die wie Wahrheiten klingen.
Aber ich tue es nicht.
Ich drehe ab. Zurück zum Rudel. Zurück zu denen, die meine Kontrolle anerkennen.
»Aber ich würde ihr viel lieber folgen.«
Revyns Stimme jault fast.
Kindlich, trotzig. Wild.
„Ich weiß", flüstere ich zurück, während ich zwischen Bäumen verschwinde.
„Ich auch."
Aber der Hunger wird größer, wenn man ihn eine Weile frei lässt.
Und wenn ich sie das nächste Mal sehe - dann wird sie nicht fliehen.
»Nächstes Mal wird sie uns gehören?«
Revyns Gier brennt wie Feuer an meinen Gedanken. Ich spüre, wie er sich reckt, schon bereit, Besitz zu ergreifen.
Nächstes Mal, wird sie vor uns auf die Knie sinken.
Das beruhigt ihn. Für den Moment.
Mich jedoch nicht.
Denn das Spiel ist noch nicht gewonnen. Noch nicht einmal wirklich begonnen hat es. Aber das wird es, jetzt da sie geblutet hat.
Blut ruft Blut.
Die Schatten werden dichter, je näher ich dem Lager komme.
Sie wittern mich. Natürlich. Mein Rudel kennt meinen Geruch.
Ich lasse mir Zeit.
Die ersten Wachen treten aus den Bäumen, in menschlicher Gestalt, aber mit den Augen des Tiers.
Sie senken die Köpfe, nicht aus Zuneigung - sondern aus Respekt.
Und ein wenig Angst.
Gut so.
»Du könntest sie zerreißen. Jeden Einzelnen.«
Revyns Stimme ist ruhig. Kein Bellen, kein Japsen mehr.
Nur ein trockenes, hungriges Grollen unter meiner Haut.
Ich spüre seine Zähne in meinem Fleisch. Nicht als Warnung. Als Erinnerung.
Nein. Noch sind sie nützlich.
Das Lager liegt wie ein ausgeatmeter Krieger im Wald - rau, schlicht, aus Felsen, Holz, alten Geschichten gebaut.
Feuer flackern, Stimmen klingen dumpf, als würde der Boden sie verschlucken.
Er wartet schon.
Mein Vater. Der Alpha.
Er steht dort, wo er immer steht - auf der erhöhten Plattform am Feuerkreis. Breit wie ein Fels, mit einem Blick wie ein Schwertstich.
Kein Lächeln. Kein Wort zur Begrüßung.
Nur dieses harte Abmessen mit den Augen.
Wiegt mich. Prüft mich.
Wie immer.
Ich bleibe stehen. Eine Armlänge zu weit entfernt, um es als Respektlosigkeit zu deuten - aber zu nah, um einfach nur gehorsam zu sein.
Sein Blick brennt auf mir.
Ich erwidere ihn. Regungslos.
„Du bist spät."
Drei Worte. Kalt wie Stahl.
„Ich hatte wichtiges zu erledigen. Du wirst es bei Zeiten mit eigenen Augen sehen."
Ein kurzes Nicken.
Kein Lob.
Aber er dreht sich nicht weg. Und das ist Antwort genug.
»Er will sehen, ob du es kannst.«
Revyn schnauft.
»Ob du ihn übertriffst.«
Ich weiß.
Mein Vater hat mich nicht geliebt.
Er hat mich geformt.
Wie Eisen.
Mit Hitze.
Mit Härte.
Hat jeden Funken Schwäche aus mir herausgeprügelt, mich gebrochen und neu zusammengesetzt.
Nicht als Sohn.
Als Waffe.
Als Nachfolger.
Ich werde nicht nur ihn übertreffen.
Ich werde ihn überleben.
»Nächstes Mal wird sie uns gehören?«, fragt Revyn erneut.
Drängt. Hungrig.
Ich lächle - nur ein Hauch.
Nächstes Mal.
Der Blick meines Vaters verharrt noch einen Moment länger, als nötig auf mir. Noch immer ist es nichts weiter als ein Test. Eine stille Erinnerung daran, dass ich mir seinen Platz noch nicht verdient habe.
Ich nehme ihn an - wie ich jeden Test angenommen habe.
Dann trete ich zurück. Kontrolliert langsam und voller dargebotenem Respekt.
Wie es sich gehört.
Wie er es von mir erwartet.
Wie er es von jedermann erwartet.
Der Kreis am Feuer verliert an Schärfe, je weiter ich gehe. Die Stimmen fließen wie Wasser hinter mir zu, murmeln sich in Sicherheit. Ich höre das Rascheln von Fell, das Knacken von Holz, das Summen alter Lieder, die keiner mehr singt.
Der Wald atmet durch, jetzt, da ich wieder in seinen Schatten verschwinde.
Meine Hütte liegt etwas abseits. Nicht aus Arroganz - aus Absicht.
Ein paar Schritte mehr zwischen mir und dem Rudel bedeuten Zeit. Raum. Kontrolle.
Die Freiheit, zu denken.
Sie ist nichts Besonderes.
Kein Prunk, kein Gold, kein Stein auf Stein wie die Menschenfestungen.
Nur dunkles Holz, gealtert, robust. Eine Hütte wie ein Tierbau: funktional, schützend, mehr im Einklang mit der Natur, mit dem wer wir sind.
Ich trete ein, schließe die Tür mit der Schulter. Keine Schlösser. Wir brauchen keine Schlösser. Unsere Rangordnung macht diese überflüssig.
Drinnen ist es kühl. Dunkel.
Der Geruch von getrocknetem Blut, Leder, Asche.
An der Wand: Waffen, nicht ausgestellt, sondern griffbereit.
Auf dem Tisch liegen alte Karten, beschrieben mit Markierungen, manche in roter Tinte, manche in etwas anderem.
»Hier ist es besser«, murmelt Revyn zufrieden.
»Hier denkt uns niemand in Stücke.«
Ich werfe den Mantel über die Stuhllehne.
Ich weiß in welcher Richtung die Ruinen in der Ferne liegen. Weiß, dass ich sie jederzeit finden könnte.
»Sie ist noch nah genug. Lass uns zurück gehen«, flüstert Revyn.
Nein.
Ich stelle mich an die Karte auf dem Tisch.
Seit gestern Nacht ist einer der Knotenpunkte aufgeleuchtet. Nicht für jeden sichtbar. Nur für jene, die diese Art Karte lesen können.
Jemanden wie mich.
Meine Finger gleiten über das Pergament.
Sie ruhen auf dem Ort, den vorher nichts ausgezeichnet hat - nur Leere, nur Geschichte.
Bis gestern.
Die Markierung war nicht willkürlich.
Ich erkannte sofort die Spur: silbern, wie Mondlicht auf frischem Fleisch.
Ein Bruchstück der Lupana.
Ein Rudel, das längst hätte tot sein sollen.
Abgeschlachtet, verraten, ausgebrannt von jenen elenden menschlichen Jägern, die sich für Jäger des Übernatürlichen halten - als könnten sie begreifen, was wir sind.
Nur Asche war geblieben.
Zumindest hatten alle, einschließlich mir das angenommen. Bis gestern.
»Fast vollständig«, flüstert Revyn, in mir.
»Aber nicht ganz.«
Nein.
Denn irgendetwas - jemand - hatte scheinbar überlebt.
Versteckt, vielleicht unbewusst.
Und jetzt... war sie aufgewacht.
Ich hatte nicht gezögert.
Habe alles stehen lassen, die Karten, das Rudel, sogar meinen Vater.
Ein lebendiger Knotenpunkt ist selten - ein Lupana-Erbe? Einmalig.
Und als ich sie dort im Wald sah, am Boden liegend und so andersartig, wusste ich es.
Sie war es.
Sie hatte den Ruf ausgelöst.
Da entschied ich, sie zu treiben. Sie allein mit meiner Präsenz und Aura zur Ruine zu treiben, ohne mich ihr tatsächlich zu zeigen.
Zurück zu den alten Ruinen.
Zur Rose ihrer Ahnen.
Die Dornen hatten auf sie gewartet.
Sie erkannt.
Sie angenommen.
»Sie gehört uns«, murmelt Revyn.
»Ob sie es weiß oder nicht.«
Bald wird sie es wissen.
Ich beuge mich über die Karte, zeichne mit der Klinge meines Dolchs einen feinen Kreis um die Markierung.
Das arme Ding hat ja keine Ahnung, in wessen Fokus sie gerückt ist. Wie tödlich mein Fokus normalerweise sein kann. Doch nicht für sie. Für sie habe ich ganz andere Pläne.
Sie gehört mir.
»Uns!«, verbessert mich Revyn.
Ein Knoten hat sich geöffnet.
Ein Blutpfad wurde lebendig.
Und ich werde derjenige sein, der ihn führt, ihn beherrscht.
Nicht mein Vater.
Nicht das Rudel.
Nicht sie.
Ich.
Ich lege die Karte beiseite, die Linien und Knoten verschwimmen in meinem Blick, denn meine Gedanken sind bereits weiter.
Der erste Schritt ist getan - ich habe sie durch die Dornen getrieben. Den Pfad der Rose geöffnet.
Doch das ist nur der Anfang.
Sie hat sich nicht ergeben.
Sie hat ihre Wölfin noch nicht angenommen.
Sie hält sie fest im Verborgenen, im Zögern, im Kampf mit sich selbst.
Und genau dort setze ich an.
Ich werde sie verführen.
Nicht mit roher Gewalt, sondern mit etwas viel Gefährlicherem: mit Begehren, mit Verlangen, mit der süßen Verlockung von Nähe, die zugleich mit Furcht gewürzt ist.
Ich werde ihr zeigen, dass es sich lohnt, loszulassen.
Dass sie nicht allein ist - obwohl sie glauben soll, ich sei die einzige Kraft, die sie hält.
Sie zu meiner zu machen, heißt nicht nur Besitz zu gewinnen.
Es heißt, sie zu formen.
Sie ihrer Bestimmung zuzuführen.
Sie zur Wölfin zu machen.
Meiner braven hörigen Wölfin.
Aber das Akzeptieren ist ein Schmerz.
Ein Abgrund, in den viele fallen - oder sich weigern zu springen.
Und die Wölfin in ihr zu zähmen?
Das ist eine andere Jagd. Eine, die ich nicht alleine bestreiten kann.
Da meldet sich Revyn. Seine Stimme schnurrt in mir, tief, unnachgiebig.
»Das übernehme ich. Die Wölfin gehört allein mir.«
Seine Worte sind keine Bitte. Kein Vorschlag.
Sondern eine Vorhersage.
Er ist ebenso dominant wie ich - vielleicht sogar mehr.
Ich traue es ihm ohne Zweifel zu.
Denn ich weiß, was in ihm wohnt.
Was er will.
Wie er jagt.
Revyn ist der Schatten, der mich schützt und vorantreibt.
Ich bin die Maske.
Doch wenn es um die rohe Macht geht - die Gewalt, die Verlockung der Dunkelheit - dann ist er der Jäger.
„Gut", sage ich leise, „dann bereite dich vor."
»Sie wird vor uns betteln. Und wir beide werden dafür sorgen, dass sie niemals wieder frei läuft.«
Ich lehne mich zurück.
Das Spiel hat begonnen.
Und ich spiele es wie ein Meister.


