LIA
ch folge Rhias Anweisungen. Schritt für Schritt am See entlang. Das Licht verblasst, die Schatten der Bäume wachsen zu langen, dunklen Fingern. Der Himmel verfärbt sich in blasses Violett und dann in ein tiefes Blau, das die Konturen der Welt um mich herum verwischt.
Das Dunkel macht mir Angst - nicht nur wegen der fehlenden Sicht, sondern weil ich kaum etwas sehe, das mir Sicherheit geben könnte. Jeder Ast, jedes Rascheln lässt mich zusammenzucken, und ich muss mich zwingen, weiterzugehen, statt mich in der Dunkelheit zu verlieren.
„Hey, Rhia", sage ich leise, fast flehend, „kannst du nicht irgendwas sehen? Irgendwen oder irgendwas? Ich will nicht im Dunkeln stolpern, wenn da nichts ist."
Ein sarkastisches Grinsen hallt in meinem Kopf.
»Klar sehe ich was. Deine zitternden Beine, deinen verkrampften Griff um die Wunde und deine Panik, die du gerade mit Füßen trittst.«
Ich knurre leise. „Nicht hilfreich."
»Na dann halt dich fest. Es wird noch besser.«
Ich beiße die Zähne zusammen und gehe weiter.
Mein Herz hämmert laut in der Stille, die nur von meinem eigenen Atem und Rhias spöttischen Kommentaren durchbrochen wird.
Ich schlucke schwer und zwinge mich weiterzugehen, auch wenn die Dunkelheit mich förmlich zu erdrücken scheint. Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an das schwindende Licht, und ich spüre, wie die Kälte der Nacht sich an meine Haut schleicht. Der Schmerz im Knöchel pocht monoton vor sich hin.
Ich kann nicht ewig durch die Finsternis irren - irgendwann brauche ich einen Ort zum Ausruhen, zum Schlafen. Mein Körper schreit nach Pause, auch wenn mein Geist zu unruhig ist, um zur Ruhe zu kommen.
„Rhia, ich muss irgendwo schlafen. Wo soll ich hin?" Meine Stimme klingt brüchig, fast verzweifelt.
Ein kurzer Moment Stille, dann ihre Stimme, sarkastisch wie immer, aber mit einem Hauch von Ernst darunter:
»Na toll, du willst also nicht nur durch die Wildnis stolpern, sondern auch noch wie ein Mensch schlafen? Überraschung. Es gibt da eine kleine Lichtung, nicht weit von hier. Nicht besonders gemütlich, aber sicher genug für die Nacht. Folge einfach dem Pfad, den ich dir zeige. Und versuch, nicht beim ersten Rascheln hysterisch zu werden.«
Ich verdrehe demonstrativ die Augen.
Witzig Rhia.
„Wie sollte ich auch sonst schlafen, mhm? Schließlich bin ich ein verdammter Mensch."
»Jaja, na klar.«
Der Pfad windet sich schwach sichtbar zwischen den Bäumen, nur gelegentlich von blassem Mondlicht gestreift, das durch die Blätter bricht. Meine Schritte sind vorsichtig, jeder Schritt mit dem Knöchel erinnert mich daran, dass ich eigentlich verletzt bin.
„Du siehst aus, als könntest du 'nen Aufputscher gebrauchen", meint Rhia trocken, und ich zucke innerlich zusammen. Danke auch, als ob ich das nicht selber wüsste.
Schließlich öffnet sich der Wald vor mir, und eine kleine Lichtung liegt vor mir. Das Gras ist feucht, das Laub raschelt leise im Wind, der durch die Äste streicht. Ein paar umgestürzte Baumstämme bieten sich als provisorische Sitzgelegenheit an.
Ich lasse mich langsam nieder, spüre, wie Erschöpfung sich in meine Glieder legt. Meine Gedanken kreisen und doch ist da eine seltsame Ruhe, die sich über die Lichtung legt. Vielleicht ist das hier, irgendwo zwischen Furcht und Erschöpfung, mein Moment zum Durchatmen.
„Nicht gerade das Ritz-Carlton, aber es wird reichen", murmle ich.
Rhia schnaubt spöttisch:
»Hey, wenigstens gibt's hier keine Killerpflanzen - zumindest bisher.«
Ich schließe die Augen und bevor der Schlaf sich einstellt, gleiten meine Gedanken zu einem neuen Tag. Einem Tag in dieser Welt die nicht meine ist, mit Rhia als Stimme in meinem Kopf und wer weiß was mich noch erwartet.
Mein Knöchel ist am Morgen dick und pulsiert.
Die Schwellung ist nicht nur größer geworden - sie sieht bedrohlich aus, als hätte ich gestern mit meinem wilden Lauf nichts als Ärger angerichtet.
„Großartig", murmele ich und streiche über die Haut, die sich gespannt und heiß anfühlt. Rhia meldet sich sofort, ihr Tonfall ist kaum zu überhören:
»Oh wow, Drama-Queen. Du stellst dich echt an.«
„Ich kann so nicht weiterlaufen, okay?" Ich beiße die Zähne zusammen, spüre jeden Puls im Knöchel, der mich fast wahnsinnig macht.
»Ach komm schon, du weißt genau, dass du keine Wahl hast. Weitergehen heißt überleben.«
Ich rolle mit den Augen. „Super Überlebensstrategie. Mit diesem Knöchel laufe ich höchstens direkt ins Grab."
Nach einem kurzen Schweigen gibt sie überraschend doch etwas Nützliches von sich:
»Vielleicht findest du Scharfnessel. Oder Beinwell. Oder du stirbst einfach an deiner Wehleidigkeit.«
Ich atme tief durch, versuche die stechende Angst zu unterdrücken. Ein bisschen Hoffnung, dass ich wenigstens nicht komplett auf mich allein gestellt bin, glimmt auf.
„Also gut", sage ich leise, „dann halt weiterlaufen. Aber wenn du diese Kräuter siehst sagst du Bescheid."
»Abgemacht.«
Ich presse die Lippen zusammen und zwinge mich aufzustehen, vorsichtig, Schritt für Schritt. Mein Körper schreit gegen die Bewegung, mein Knöchel pocht wie ein wildes Tier. Kaum wage ich es, den Fuß aufzusetzen, zuckt ein stechender Schmerz durch meine Wade und ich fahre zusammen, ein scharfer Fluch entweicht mir. Keine Chance, so geht das nicht.
Ich seufze tief, resigniert und genervt zugleich. Rhia meldet sich sofort, spöttisch und ohne Mitleid:
»Na gut, dann nimm halt die Bäume als Stützen.«
Ich rolle mit den Augen und taste mich vorsichtig zu einem nahen Baumstamm. Die raue Rinde fühlt sich kalt an, aber besser als nichts. Langsam stütze ich mich auf den Baum, atme tief durch und zwinge mich, den schmerzenden Fuß wieder auf den Boden zu setzen - mit Hilfe.
»Siehst du? Gar nicht so schwer, Drama-Queen.«
„Halt die Klappe, Rhia."
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich mich mühsam von Baum zu Baum schleppe, das Gewicht auf meinen Armen verlagere und jeden Schritt wie einen kleinen Krieg gegen meinen Knöchel kämpfe, höre ich plötzlich ein Knacken. Rascheln. Ganz nah.
Ich fahre erschrocken herum, das Herz setzt aus, der Schmerz sofort vergessen - oder zumindest verdrängt. Ich starre ins Gebüsch, der Atem flach, jede Faser in mir angespannt.
Dann tritt er hervor.
Verdammt.
»Aber sowas von!«
Er ist groß. Mindestens 1,90. Schlank, aber trainiert, mit einer Art müheloser Eleganz in jeder Bewegung. Seine Haare sind schwarz, reichen ihm fast bis zur Schulter und sehen so aus, als hätte der Wind sie genau richtig zerzaust - oder als würde er einfach zu gut aussehen, um sich jemals darum kümmern zu müssen.
Markante Wangenknochen, ein starkes Kinn, Augen, die ich im ersten Moment nicht genau erkenne, aber deren Blick mir das Gefühl gibt, vollständig durchleuchtet zu werden.
Eine Präsenz, die die Luft verändert. Magnetisch. Kontrolliert. Gefährlich.
Götter ist er heiß.
»Aber hallo.«
Ich schüttle imaginär den Kopf um den Gedanken zu verdrängen.
Ich weiche zurück, mein Knöchel protestiert sofort. Ich kralle mich an einen Baum.
Er mustert mich mit einem Blick, der ruhig wirkt - zu ruhig. Dann deutet er auf meine Hand.
„Du... bist verletzt." Seine Stimme ist tief, fast samtig.
„Dornen, vermute ich?"
Ein kleines, schiefes Lächeln spielt um seine Lippen. Einladend freundlich.
Sein Lächeln ist wie eine Droge. Anziehend, verführerisch, mit einem Hauch von Gefahr, der jede Alarmglocke in mir schrillen lässt. Ich höre Rhia beinahe in meinem Kopf seufzen.
»Oh. Mein. Gott. Willst du vernaschen oder darf ich?«
Reiß dich zusammen, mahne ich Rhia stumm.
Von solchen Typen hält man sich fern. Oder versucht es zumindest.
Er bleibt stehen, keine zwei Meter von mir entfernt. Beobachtet mich weiter mit diesem Blick, der mir sagt, dass ich gerade katalogisiert werde.
Dann sagt er plötzlich, mit einem Tonfall, der zwischen Nostalgie und Spott schwankt:
„Ich hab das Zeug gehasst, als ich klein war. Bleiben überall hängen. Reißen an dir, auch wenn du denkst, du bist schon durch."
Das Lächeln wird noch ein bisschen schärfer, gefährlicher. Fast wie ein Spiel. Eins, bei dem ich die Regeln nicht kenne.
Ich starre ihn an, versuche, nicht zu stolpern - weder körperlich noch gedanklich. Mein Mund ist trocken, mein Hirn rattert.
Wer zur Hölle ist das? Und was will er von mir?
Verdammt. Hatte Karin etwa doch recht? Reizen mich dunkle gefährliche Typen?
In meinem Kopf drängt Rhias Stimme:
»Na los. Ich will ihn. Ich wette, der kann dich vergessen lassen mit seiner...«
Rhia! Zische ich innerlich.
»Pff, du hast den Mann noch nicht richtig angesehen, oder?«
Wie bitte?!
Ich verdrehe die Augen. Rhia hört nicht auf, ihren kleinen Feldzug in meinem Kopf zu führen.
»Nochmal zum Mitschreiben: Er. Ist. Heiß!«, sagt Rhia, und ihre Stimme klingt fast wie ein heimliches Kichern. »Komm schon, Lia. Er ist wie ein brennendes Messer in der Dunkelheit.«
Innerlich schimpfe ich sie aus.
Rhia, er ist ein Fremder! Ein Fremder!
»Na wenn schon. Danach ist er weniger fremd.«
Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht loszulachen.
Rhia, jetzt hör mal auf. Sowas kommt gar nicht in die Tüte.
»Doch, doch, doch!«, kontert sie scharf und amüsiert zugleich. »Komm schon, Lia. Er ist der Inbegriff von ‚gefährlich attraktiv'. Wenn ich ein Herz hätte, würde es jetzt schneller schlagen.«
Ich schüttle den Kopf, aber Rhia hört gar nicht auf. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie den Fremden anziehend findet. Und macht es mir damit nicht grade leichter.
Dann reißt er mich mit seiner Stimme aus meinem Konflikt mit Rhia.
„Verlaufen?", fragt er, als wäre das alles hier nur ein Sonntagsspaziergang.
Ich setze gerade an, etwas zu sagen - irgendetwas - , als er einen Schritt nähertritt. Instinktiv weiche ich einen halben zurück, doch mein verletzter Knöchel gibt ein warnendes Zucken von sich. Ich beiße mir auf die Lippe.
Bevor ich den Satz hervorbringen, packt er meine Hand, als wäre sie selbstverständlich. Mein Körper will zurückweichen, mein Kopf auch - aber ich stehe da. Gefangen, wie paralysiert.
Seine Finger schließen sich unnachgiebig um meine Hand.
Seine Finger sind warm, stark, die Berührung selbstbewusst, nicht grob, aber bestimmt. Ich ziehe kurz den Atem ein - überrascht, überrumpelt - doch er scheint das völlig selbstverständlich zu finden.
Er hält meine Hand in seiner, betrachtet die Wunde und fährt leicht mit seinem Daumen über meine Handfläche, was mir Schauer durch den Körper rasen lässt.
Nein, nein, nein. Das ist keine gute Idee.
Er betrachtet das spiralförmige Muster meiner Wunde.
„Interessant", murmelt er. „Sie hat bereits begonnen zu heilen."
Sein Blick wandert zu meinem Gesicht, und da ist es wieder. Dieses verdammte Lächeln. Sanft, spöttisch, gefährlich. Ein Lächeln, das mehr weiß, als es verrät. Ich spüre, wie mir heiß wird. Auch seine Augen kann ich nun erkennen, silbergrau, sie erinnern mich an den Vollmond.
Dann folgt sein Blick meinem Körper hinab, bleibt an meinem Knöchel hängen. Ich merke, wie ich ihn fast unbewusst entlaste, seit ich stehe. Sein Blick wird prüfend. Ohne ein Wort kniet er sich vor mir auf den Waldboden, einer Bewegung so geschmeidig wie selbstverständlich.
Er sieht zu mir auf. Erwartungsvoll. Als wäre es selbstverständlich, dass ich ihn meinen Knöchel hinhalten werde - und er nur höflich genug ist, zu warten.
Und dieser Blick den er mir zuwirft, kniend vor meinen Füßen lässt Rhia weiter vollkommen durchdrehen.
Ich will zurückzucken. Sollte es auch tun. Aber irgendwas an ihm hält mich fest. Nicht die Hand - die Präsenz. Dieser Blick, der sagt: Ich habe schon längst entschieden, was du tust.
Ich starre ihn an. „Was... was machst du da?", frage ich zögernd.
Sein Blick bleibt ruhig, seine Augen halten meinen fest. „Wenn du mir deinen Fuß gibst, kann ich helfen. Oder du humpelst weiter durch den Wald und brichst dir unterwegs das andere Bein. Deine Entscheidung."
»Oh mein Gott«, haucht Rhia leise in meinem Kopf. »Ich würde ihm ALLES geben, wenn er mich so ansieht. Auch beide Füße. Vielleicht auch ein paar Organe. Vielleicht...«
Hör auf zu sabbern. Verdammt nochmal.
Rhia schnurrt.
»Ich sabbere nicht. Ich bewundere. Außerdem - hast du gesehen, wie er dich anschaut? Der Mann hat Hände wie Sünde und einen Blick wie ein Fluch, und du stehst da wie ein Reh im Fernlicht.«
Ich ignoriere sie. So gut es geht. Mein Herz hämmert. Ich starre immer noch auf ihn hinunter.
Sollte ich ihn meinen Knöchel ansehen lassen?
Kann ich ihm trauen?
Oder viel mehr, kann ich mir trauen?
Ich weiß nur eins: Dieser Typ… ist nicht einfach nur gutaussehend. Er ist eine Warnung mit hübschem Gesicht.
Etwas in mir schreit, ich soll Abstand halten - und doch bewege ich mich keinen Zentimeter weg.
»Keine Sorge, ich passe schon auf uns auf.«
Von wegen!
Ich weiß nicht mal, wie er heißt.
Ich habe keine Ahnung, wer dieser Mann ist - was er will, woher er kommt.
Nicht mal ein Name. Und ich soll ihm meine verletzte Hand, meinen verdrehten Knöchel... mich selbst anvertrauen?
„Ich lasse mich ganz bestimmt nicht von jemandem anfassen, den ich nicht mal kenne", murmele ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm - obwohl sein Blick ganz klar zeigt, dass er es gehört hat.
Mit tiefer, ruhiger Stimme, sagte er:
„Riven. Mein Name ist Riven."
Ein kurzer Blick nach oben, direkt in meine Augen.
„Und jetzt heb brav den Knöchel."
Ich blinzle.
Habe ich mich verhört?
Rhia quietscht innerlich auf wie ein Teenager auf einem Boygroup-Konzert.
„Ich hab dich nicht nach deinem Namen gefragt, damit du mir Befehle erteilst.", knurre ich reflexartig zurück - aber meine Hand zittert leicht, als ich das Bein ein wenig weiter anhebe.
Er grinst. Dieses typische, gefährlich ruhige Grinsen, das nichts verspricht und alles andeutet.
„Gut", sagt er nur. Als wäre das ein Test gewesen.
Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, hebt er die Hand, umfasst meinen Unterschenkel und zieht mein Bein behutsam, aber bestimmt näher zu sich. Seine Finger sind warm, und selbst durch den Stoff meiner Hose spüre ich die Intensität seiner Berührung. Als wäre jede einzelne Bewegung von ihm bewusst gewählt, als würde er genau wissen, was er da tut.
Und mein Körper? Der verrät mich komplett.
Ein Stromstoß aus Hitze und Nervenkitzel schießt mir den Rücken hinauf, mein Atem stockt, und mein Herz springt wie eine kaputte Waschmaschine auf Schleudergang.
Verdammt, lass den Mist. Konzentrier dich, rufe ich mich selbst zur Ordnung, während meine Gedanken wie ein Rudel aufgescheuchter Katzen durch meinen Kopf rennen.
»Blödsinn, lass los Girl«, gurrt Rhia mit einem Tonfall, der gefährlich nahe an sabbernde Verzückung grenzt.
„Oh Gott...", murmele ich leise und presse die Lippen aufeinander. Nicht wegen des Schmerzes - obwohl der Knöchel sich jetzt meldet, während er ihn prüft - sondern wegen allem anderen. Wegen diesem Typen. Wegen der verrückten Stimme in meinem Kopf. Wegen der Tatsache, dass ich anscheinend grade zu keinem klaren Gedanken mehr fähig bin.
Dann bemerke ich wie er den Blick von meinem Knöchel gelöst hat und zu mir hochschaut.
Seine dunklen Augen treffen meine, und für den Bruchteil einer Sekunde liegt da dieses Funkeln. Nicht verspielt, nicht aufdringlich - aber so durchdringend wissend, dass mir die Hitze schlagartig in die Wangen schießt.
Ich spüre, wie ich erröte. Und noch während ich mir selbst einzureden versuche, dass es nur vom Schmerz kommt - nur vom Knöchel, verdammt nochmal - verzieht sich der Anflug eines schiefen Grinsens auf seinen Lippen, als hätte er genau gemerkt, was wirklich los ist.
Ich reiße den Blick los, verfluche innerlich mein eigenes Gesicht und murmele: „Der Knöchel. Er tut halt einfach... weh."
Riven sagt nichts dazu. Aber er weiß es. Oh, er weiß es.
»Gott, ich liebe ihn«, seufzt Rhia entzückt, völlig begeistert. »Der Blick, Lia. HAST du diesen Blick gesehen? Wenn du nicht bald über ihn herfällst, muss ich übernehmen!«
Halt. Die. Klappe, zische ich innerlich zurück, mein Puls klopft mir bis in die Ohren.
»Das ist kein normaler Mann. Das ist dunkle Schokolade in Menschengestalt. Verführerisch. Elegant. Wahrscheinlich tödlich. Köstlich.«
Ich tue mein Bestes, um Rhia zu ignorieren, während der fremde sich wieder meinem Knöchel zuwendet - ganz der Ruhepol, während in mir drin alles in Flammen steht.
Er fährt mit den Fingern sachte über die geschwollene Stelle. Sein Gesicht wieder ruhig, konzentriert.
„Du brauchst eine Schiene", sagt er schließlich ruhig. „Und was zum Kühlen. Am besten jetzt gleich."
Ich nicke - zu schnell, zu verlegen, zu aufgewühlt.
„O-okay."
»Oooooh«, seufzt Rhia voller Genuss. »Wie süß. Du stammelst. Ich liebe es, wenn du nervös bist. Noch ein bisschen, und du fällst ihm freiwillig vor die Füße.«
Noch halb im Adrenalinrausch zwischen Schmerz, Herzrasen und Rhias Dauerkommentar gefangen, starre ich auf die Stelle, wo seine Hand eben noch meinen Knöchel gehalten hat. Meine Haut brennt - aber nicht nur von meinem Knöchel ausgehend.
Sondern von etwas anderem. Von einer Hitze, die unter die Haut kriecht. Und das macht mir ehrlich gesagt mehr Angst als jeder Schatten im Wald.
Ich blinzele, schüttle leicht den Kopf, um klarer zu denken.
Konzentrier dich, Lia. Nur ein Typ. Verdammt attraktiv und gefährlich, ja. Aber immer noch nur ein Typ. Oder?
»Von wegen nur ein Typ«
Riven hat sich inzwischen wieder aufgerichtet.
Sein Blick ruht weiter auf mir. Wachsam. Unaufdringlich. Und doch so intensiv, dass ich mir plötzlich hyperbewusst darüber werde, wie ich dastehe, wie ich aussehe, wie sehr mein ganzer Körper vibriert wie unter Hochspannung.
„Komm, ich helfe dir.", sagt er leise, aber bestimmt. Seine Stimme ist tiefer als zuvor, fast wie ein Versprechen - oder eine Warnung. Oder beides.
Er will mir nur helfen. Kein Grund mehr dahinter zu vermuten.
»Oder er denkt grade darüber nach, wie du wohl schmeckst.«, grinst Rhia schamlos. »Ich wette, du schmeckst nach Vanille mit Zimt. Und einer Prise Chaos.«
Du bist keine Hilfe!, knurre ich Rhia an, während ich versuche, wieder klare Gedanken zu fassen.
Riven beugt sich zu einem der niedrig hängenden Äste, zieht ein dünnes Seil aus einer kleinen Ledertasche an seiner Seite und beginnt, aus Rinde und Stoffresten etwas zu basteln, das erschreckend nach einer Schiene aussieht. Ich starre ihn an, während er mit geübten Bewegungen arbeitet.
„Du machst das nicht zum ersten Mal", sage ich leise.
Seine Lippen zucken. „Sagen wir, ich habe Übung darin, Leute zusammenzuflicken, die dort landen, wo sie nicht hingehören."
»Wuhu! Das war eindeutig auf dich gemünzt«, ruft Rhia begeistert. »Komm schon, gib's zu. Der Typ ist gefährlich heiß.«
Ja zugegeben. Gefährlich heiß. Die Betonung auf Gefährlich!
Dann wendet Riven sich erneut mir zu und legt vorsichtig die improvisierte Schiene um meinen Knöchel.
Die Berührung ist diesmal durch die Schiene weniger intensiv als zuvor, aber dennoch spüre ich ihn deutlich.
Als er fertig ist, schaut er wieder zu mir auf. „Das wird dir das Laufen erleichtern. Zumindest etwas."
„Danke", sage ich - halb verlegen, halb aufrichtig. Meine Stimme klingt kratziger, als ich will.
Er mustert mich erneut, dieses Mal mit einem Hauch von Nachdenklichkeit. „Du bist nicht von hier."
Ich zucke kaum merklich zusammen. „Ist es so offensichtlich?"
Ein schiefes, beinahe trauriges Lächeln. „Nur für die, die wissen, worauf sie achten müssen."
Rivens Blick ist durchdringend, als wüsste er mehr über mich als ich ihm bisher gesagt habe.
Ich spüre, wie meine Schultern sich unbewusst straffen. Wie ich versuche, einen Rest Haltung zu bewahren, obwohl mein Inneres gerade eher nach Flucht oder Ohnmacht schreit.
„Wie heißt du?" Seine Stimme ist ruhig. Fast sanft. Aber dahinter liegt eine Erwartung, der man sich nicht so einfach entziehen kann.
»Ich hoffe du willst ihm nicht sagen, dass du aus einer anderen Welt hierher gefallen bist. Gute Idee. Mach dich gleich zum kompletten Hohlkeks.«
Halt den Mund, Rhia, denke ich scharf, hebe aber den Kopf.
„Lia", sage ich.
»Aurelia«, kichert Rhia genüsslich. »Süß, dass du versuchst, normal zu wirken. Als wär das hier ein Praktikum im Märchenland.«
Ich atme tief durch, ignoriere sie, drehe mich zu Riven. „Danke. Für deine Hilfe."
Ich will mich zum Gehen wenden. Nicht weil ich einen Plan habe - Gott, den hab ich nicht - sondern weil ich das Gefühl habe, alles in mir könnte explodieren, wenn ich noch länger in seiner Nähe bleibe.
Ich mache einen Schritt - oder versuche es.
„Wohin willst du denn?" Riven hält mich mit einer einzigen, leichten Bewegung am Arm auf.
Meine Augen bleiben für einen Moment an ihm hängen. „Ich gehe."
Er hebt eine Braue. „Die Schiene ist zum Laufen, wenn du musst - nicht, weil es eine gute Idee wäre."
Ich protestiere und weiche einen Schritt zurück - oder versuche es, doch mein Knöchel streikt. Panik zuckt auf, als ich plötzlich die Bodenhaftung verliere. Wortwörtlich. Riven fängt mich als ich stürze und hebt mich hoch, als wäre ich nicht mehr als ein Bündel Federn - und ehe ich auch nur Luft holen kann, habe ich die Stirn an seiner Brust.
„Was zur Hölle...?" Mehr bekomme ich nicht heraus - zu überrumpelt, zu nah an seinem Herzschlag.
»Oh. Mein. Gott.« Rhias Stimme ist ein seufzender Schmelzstrom.
„Lass mich sofort runter!", protestiere ich - doch selbst in meinen eigenen Ohren klingt es halbherzig.
Riven antwortet nicht. Oder besser gesagt: Er antwortet nicht mit Worten. Sein Griff bleibt ruhig. Sicher. Seine Schritte weich und bestimmt, als hätte er diese Strecke tausend Mal gelaufen. Er ist so unfassbar selbstbewusst, dass es ihm scheinbar nicht mal in den Sinn kommt, dass ich etwas dagegen haben könnte, wie ein verdammtes Paket durch den Wald getragen zu werden.
»Und ganz ehrlich?«, schnurrt Rhia. »Willst du das wirklich? Runter? Das hier, meine Liebe, ist großartig. Lehne dich an, schließ die Augen und tu wenigstens so, als würdest du es genießen.«
„Ich kann auch selber laufen!", fauche ich leise. Verzweifelt um Kontrolle bemüht.
Riven schaut kurz zu mir runter - wieder dieses winzige Lächeln, das alles aus dem Gleichgewicht bringt. „Sicher. Aber warum solltest du, wenn du auch genauso gut von mir getragen werden kannst?"
Ich will etwas schlagfertiges erwidern. Etwas, das mein brennendes Gesicht und das Chaos in meinem Kopf übertönt. Aber mir fällt nichts ein. Gar nichts.
Also sage ich... nichts.
Ich starre auf seine Schulter. Auf das ruhige Heben und Senken seines Atems. Und ich höre Rhia flüstern:
»Wenigstens hast du jetzt nen Plan, Lia. Auch wenn er Beine hat. Und eine verdammt attraktive Brust.«
Und da ist diese verdammte Hitze unter meiner Haut.
Mehr von Lia, Riven und Rhia? Hier gibt es mehr:
https://shop.tredition.com/booktitle/Rhia/W-246-319-495
ISBN: 978-3-384-67056-4 Softcover
ISBN: 978-3-384-67057-1 Hardcover


