Die ersten Strahlen der Morgensonne fallen durch das hohe Fenster, das von schweren, dunklen Vorhängen eingerahmt ist. Es ist der Beginn eines neuen Tages und obwohl mein Körper von der Erschöpfung des Vortags schwer ist, bleibe ich stur in meiner neuen Haltung. Ich würde mich nicht beugen. Nicht vor ihm.
Christiano tritt in den Raum wie er es zuvor bereits tat, ruhig und mit einer Präsenz, die den Raum sofort erfüllt.
Ohne ein Wort bedeutet er mir, ihm zu folgen als er meine Ketten an der Stange löst. Seine Haltung ist klar - er erwartet Gehorsam und er erwartet ihn bedingungslos. Ich folge ihm, aber nicht aus freiem Willen, die Ketten ließen mir keine Wahl. Aber vielleicht konnte ich wenigstens mehr über diesen Mann und seine Welt herausfinden.
Er führt mich in eine große Halle, an deren Wänden Karten, Banner und kunstvolle Waffen hängen. Ein massiver Tisch aus dunklem Holz dominiert den Raum, übersät mit Papieren, Siegeln und feinen Schreibutensilien. „Das hier", beginnt er mit ruhiger Stimme, „ist das Herz meiner Arbeit. Es ist nicht nur die Macht die ein Reich zusammenhält, sondern Verstand und Strategie."
Ich beobachte ihn, während er spricht, seine Bewegungen sind präzise und kontrolliert, seine Worte so klar wie das kalte Wasser eines Bergsees. Doch als er beginnt, mir Regeln aufzuzählen - wie ich mich in seiner Anwesenheit zu benehmen habe, welche Grenzen ich nicht zu überschreiten habe, da spüre ich wie der Trotz in mir aufsteigt.
„Ich soll mich also benehmen wie ein zahmes Vögelchen?", meine Stimme trieft vor Sarkasmus. „Wahrscheinlich soll ich auch noch dankbar für meinen schicken goldenen Käfig sein?"
Er hält inne und dreht sich langsam zu mir um. Seine Augen verengen sich leicht und obwohl seine Miene ruhig bleibt, spüre ich die Spannung in der Luft. „Du bist nicht hier, um zu sagen was dir nicht passt", sagt er leise. „Dein Platz ist hier, an meiner Seite, weil ich es so will und du wirst lernen, was das bedeutet." „Vielleicht", entgegne ich, ohne meine Haltung zu ändern. „Oder vielleicht bringst du mir das nicht bei, weil ich mich weigere es zu lernen."
Für einen Moment denke ich, er würde die Beherrschung verlieren, doch stattdessen tritt er näher an mich heran, bis nur noch wenige Zentimeter uns trennen. Seine Hand hebt sich und ich spanne mich an, doch er berührt mich nicht. Stattdessen hält er inne, sieht mir direkt in die Augen. „Dein Trotz ist beeindruckend.", murmelt er fast wie zu sich selbst. „Aber auch das stärkste Feuer kann gelöscht werden, wenn es falsch entfacht wird."
Mit diesen Worten wendet er sich ab, lässt mich stehen und widmet sich wieder seiner Arbeit. Ich beiße die Zähne zusammen. Ich habe gewonnen - zumindest fühlte es sich vorerst so an.
Nach dem Mittagessen - einer Mahlzeit, die genauso gespannt ist wie der Morgen - nimmt er mich mit zu einem Treffen in einem prachtvollen Saal, in dem seine Untergebenen oder Verbündeten sich bereits versammelt haben. Der Raum ist erfüllt von Stimmen, Diskussionen und angestrengten Gesichtern der Männer, die um die Tafel sitzen. Ich habe keine Ahnung, worüber sie sprechen, doch ich kann an ihrer Haltung erkennen, dass es wichtig ist.
Christiano, ganz in seiner Rolle als Herrscher, lässt keinen Zweifel an seiner Autorität zu. Er spricht ruhig, aber mit einer Dominanz, die jeden im Raum dazu bringt, sich seinem Willen zu beugen. Doch ich kann nicht widerstehen. Während die Diskussion hitziger wird, nutze ich einen Moment der Stille um eine spitze Bemerkung zu machen.
„Vielleicht solltest du sie nicht so herumkommandieren", sage ich leichthin, mein Blick auf ihn gerichtet. „Vielleicht hätten sie mehr Respekt, wenn du ihnen nicht ständig unter die Nase reiben würdest, wer der König im Raum ist."
Die Stille, die folgt, ist ohrenbetäubend. Alle Augen richten sich auf mich. Für einen Moment scheint sogar Christiano überrascht, doch das Gefühl verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Er steht auf, seine Bewegungen fließend, aber mit einer Kraft, die jedem im Raum zeigt, wer hier das Sagen hat. „Verzeiht mir diesen Zwischenfall", sagt er mit kühler Höflichkeit an die Versammelten. „Manchmal neigen ungezähmte Dinge dazu, ihre Grenzen zu vergessen."
Er tritt zu mir, beugt sich leicht vor und flüstert so leise, dass nur ich es hören kann. „Du spielst ein gefährliches Spiel."
Doch statt Angst zu zeigen, hebe ich mein Kinn und sehe ihn direkt an.
„Vielleicht mag ich gefährliche Spiele."
Die Versammlung endet kurz darauf und obwohl er es nicht zeigt, weiß ich, dass ich einen Nerv getroffen habe.
Am Abend sitze ich wieder an der langen Tafel, diesmal jedoch allein mit ihm. Die Dunkelheit, die durch das Fenster dringt, scheint den Raum noch kälter zu machen und die Stille ist drückender als je zuvor. Ich kann seine Anspannung spüren auch wenn er sie versucht zu verbergen.
„Warum machst du es dir so schwer?", fragt er in die Stille hinein, während er einen Schluck Wein aus seinem Kelch nimmt. „Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass dein Platz jetzt hier ist?"
Ich sehe ihn an, meine Augen funkeln vor Trotz. „Weil ich niemandem gehöre.
Und schon gar nicht dir."
Er lacht leise, aber es ist kein freundliches Lachen. „Du hast viel Mut, das muss ich dir lassen.", sagt er. „Aber Mut ohne Verstand führt nur ins Verderben." Ich lehne mich zurück, verschränke die Arme vor der Brust. „Dann führ mich ins Verderben. Mal sehen, ob du so gut bist, wie du glaubst."
Anstatt laut zu werden oder mich zu bestrafen, steht er langsam auf und geht um die Tafel herum, bis er direkt vor mir steht. Er beugt sich leicht vor, sodass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt ist. „Du glaubst, du kennst mich.", flüstert er. „Aber du hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast."
Seine Nähe bringt mein Herz zum rasen, doch ich lasse mir nichts anmerken.
„Vielleicht weiß ich mehr, als du denkst.", erwidere ich.
Für einen Moment scheint er zu überlegen, doch dann richtet er sich wieder auf. „Wir werden sehen.", deutet er an und verlässt mit den Ketten in der Hand den Raum, bis ich gezwungen bin ihm zu folgen.
Die Nacht ist still, nur das leise Knistern der Fackeln in den Wandhaltern durchbricht die Dunkelheit. Mein Körper ist schwer vom Tag, aber mein Geist ist noch wach, aufgewühlt von der Konfrontation mit Christiano. Ich habe ihm die Stirn geboten, doch er hat mich nicht bestraft - zumindest nicht so, wie ich es erwartet habe.
Als wir uns in seine Gemächer begeben, fällt mein Blick auf das große, opulente Bett, das für ihn bereit steht - uns. Doch ich ignoriere es. Stattdessen ziehe ich mich erneut auf den Diwan zurück, ich weigere mich, mich ihm in diesem Leben anzupassen, so verlockend ein weiches Bett auch sein mag. Er befestigt meine Ketten erneut an der Stange und begibt sich selbst in sein Bett.
Ich schließe die Augen, doch der Schlaf kommt nicht sofort. In dieser Nacht träume ich erneut. Verschwommene Bilder einer Insel, einer Frau. Ihre offensichtliche Trauer vermischt mit Verlangen ist greifbar und ihre Hände greifen nach einem Mann, um ihn festzuhalten. Um nicht allein zu sein. Dann - Dunkelheit.
Ich erwache mit einem unangenehmen Gefühl in der Brust. Die Bilder aus meinem Traum verblassen schnell, doch ein Rest davon bleibt in mir zurück.
Bevor ich mich weiter damit befassen kann, wird die Tür aufgestoßen. Christiano steht dort, gekleidet in Schwarz, mit einem kühlen Blick, der schwer zu durchdringen ist. „Steh auf", befiehlt er.
Ich verziehe die Lippen. „Kein guten Morgen?", spotte ich.
Er tritt näher, sein Schatten fällt über mich. „Du wirst heute eine Prüfung ablegen."
Ich runzle die Stirn. „Was für eine Prüfung?"
„Du wirst deine Fähigkeiten beweisen. Doch zuvor, wirst du dir etwas anderes anziehen."
Ich richte mich langsam auf und blinzele ihm trotzig entgegen. Dann blitzt
Widerstand in meinen Augen auf. „Werde ich nicht."
Er seufzt - nicht überrascht, als hätte er genau das erwartet. Doch diesmal verschwendet er keine Worte.
Bevor ich reagieren kann, greift er nach meinen Handgelenken und drückt mich mit einem einzigen, schnellen Ruck gegen die Stange. Seine Finger umschließen beide Handgelenke mit eiserner Kontrolle, über meinem Kopf gefesselt wie ein stummer Befehl. Ich keuche erschrocken auf, reiße mich los - vergeblich. „Ein verlockender Laut", murmelt er, ohne mich anzusehen. „Leider habe ich jetzt keine Zeit für deine Spielchen."
Seine Hand gleitet an meinen Nacken. Ich will protestieren, doch ehe ich ein
Wort sagen kann, hat er den Verschluss meines Kleides geöffnet. Ein leises Rascheln - dann fällt der Stoff wie Wasser an meinem Körper hinab, sammelt sich stumm zu meinen Füßen.
Ein heißer Stich kriecht mir ins Gesicht. Ich winde mich, doch sein Griff bleibt unerbittlich. „Lass mich los!", zische ich, rüttel an seinen Fingern, doch er bleibt ruhig, geradezu gelassen.
Er löst die Ketten von meinen Armreifen, nimmt das neue Kleid zur Hand und zieht es mir über den Kopf, mit einer beunruhigenden Selbstverständlichkeit. Der Stoff, kühl und weich, schmiegt sich an meine Haut, während ich noch immer mit jeder Faser Widerstand leiste.
„Fertig.", sagt er schließlich, befestigt die Ketten erneut an meinen Handgelenken und tritt dann zurück.
Ich schwanke einen Schritt, meine Atmung geht stoßweise vor Wut. „Du kannst mich nicht immer so behandeln!", entfährt es mir, die Stimme scharf wie ein Messer.
Er sieht mich an, ein langer, unergründlicher Blick.
Dann hebt er gleichmütig die Schultern. „Dann gehorche."
Mein Zorn droht zu explodieren, doch ich reiße mich zusammen. Jetzt nicht. Noch nicht. Aber ich schwöre mir: Irgendwann wird er den Preis für diese Demütigung zahlen.
Er führt mich in den Hof, wo bereits eine Gruppe Männer wartet. Ihre Blicke ruhen auf mir - neugierig, belustigt, misstrauisch. Ein Schwert wird mir zugeworfen. Es klirrt vor meinen Füßen.
„Ich kämpfe nicht für deine Unterhaltung", sage ich scharf.
Christiano tritt neben mich, seine Stimme leise, aber nicht minder zwingend. „Du kämpfst nicht für mich. Du kämpfst für dich. Oder du verlierst." Sein Blick ist ernst - und ich weiß, es ist kein Bluff. Also hebe ich das Schwert auf. Es ist schwer, schwerer als ich erwartet habe. Der Griff liegt ungewohnt in meiner Hand. Mein Gegner tritt vor - groß, kräftig, mit selbstsicherem Grinsen. „Keine Sorge", sagt er spöttisch. „Ich werd's langsam angehen lassen." Ich antworte nicht. Ich nehme Haltung an.
Der erste Schlag kommt schnell. Ich blocke, aber der Aufprall lässt meine Arme zittern. Ich wanke zurück. Leises Lachen hallt durch den Hof.
„Zu steif", ruft Christiano. „Lass das Schwert fließen."
Mein Gegner greift erneut an. Ich ducke mich, weiche dem Hieb aus - knapp. Mein Herz hämmert gegen die Rippen. Ich erkenne es: Kraft wird mir hier nicht helfen.
Ich lasse das Schwert fallen.
Ein kollektives Keuchen. Doch ich zögere keine Sekunde. Ich tauche unter seinem Arm hindurch, stoße ihm mein Knie in die Seite. Er stolpert.
Fluchend dreht er sich um, sein Spott ist verschwunden.
Er stürmt auf mich zu - doch ich weiche aus, lasse ihn ins Leere schlagen.
Wieder. Und wieder. Dann fege ich ihm das Standbein weg, er strauchelt.
Die Männer schweigen.
Christiano murmelt ein kaum hörbares „Interessant."
Mein Gegner ist jetzt wütend. Er schlägt wild, aber ich tanze um ihn herum, finde seine Lücken. Ellenbogen gegen Rippen, Ausweichbewegung, ein Tritt. Dann -
„Genug.", sagt Christiano.
Mein Gegner hält inne, sein Blick hat sich verändert. Er senkt das Schwert.
„Nicht schlecht", murmelt er.
Ich stehe da, keuchend, erschöpft, aber nicht besiegt. Ich habe nicht gewonnen - aber ich habe überlebt. Dann - Chaos.
Schreie. Klingen, die aufeinanderschlagen. Ein Angriff.
Ich reagiere, bevor ich denke. Ich greife mein Schwert, trete an Christianos Seite.
Ein Schatten bewegt sich auf ihn zu. Ich springe dazwischen, fange die Klinge ab. Metall kreischt. Mein Gegner drängt mich mit roher Gewalt zurück - ich halte stand.
Ich winde mich unter seinem Hieb hindurch, weiche aus, trete gegen sein Knie.
Doch er ist schneller, holt zum nächsten Schlag aus - und dann ist Christiano da.
Mit einer einzigen Bewegung entreißt er mir das Schwert, tritt vor. Ein Hieb - die Waffe des Angreifers fliegt zu Boden. Christiano packt ihn, zieht ihn an sich. „Fehler.", sagt er - dann trifft seine Faust das Gesicht des Mannes. Der Körper sackt zusammen.
Stille.
Christiano sieht mich an. Seine Augen lesen mich, prüfen mich - dann nickt er.
„Gute Reaktion."
Er blickt sich um. Der Angriff war kurz, gezielt - ein Test? Ein Warnschuss?
Das Klirren ist verstummt.
Aber in mir - da ist etwas erwacht.
Mein Herz rast noch, meine Hände zu Fäusten geballt, doch ich zwinge mich ruhig zu atmen. Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe einfach gehandelt und ich habe stand gehalten.
Nach diesem Angriff bleibt die Burg in Alarmbereitschaft. Christiano bleibt fast unmerklich angespannter als sonst, seine Haltung noch kühler. Als wir uns später in den Speisesaal begeben, spüre ich die unausgesprochene Spannung zwischen uns.
„Du hast dich gut geschlagen.", sagt er schließlich.
Ich hebe eine Augenbraue. „Ist das ein Kompliment?"
Er lehnt sich zurück, sein Blick unverwandt auf mich gerichtet. „Nein. Es ist eine Feststellung."
Ich schnaube, „Natürlich."
Er steht auf, tritt an mich heran und beugt sich leicht vor. „Du denkst, du kennst mich. Aber du täuschst dich." Ich halte seinem Blick stand.
„Und du denkst, du kannst mich brechen. Aber du täuschst dich." Ein Funke blitzt in seinen Augen auf - und für einen Moment ist da etwas anderes als Dominanz und Kälte.
Dann verlassen wir den Raum.
Die Ereignisse des gestrigen Tages haben mir gezeigt: Ich muss hier raus. Ich kann nicht zulassen, dass er mich kontrolliert - oder dass er mich liest. Also plane ich meine Flucht.
Als er mir letzte Nacht die Ketten nicht angelegt hat und heute Morgen bereits fort ist, sehe ich meine Chance.
Leise, so leise wie möglich, schlüpfe ich durch den Flur. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen, während ich mich in den Schatten halte. Die Kälte des Steins kriecht durch meine dünnen Sohlen, doch ich ignoriere sie. Jeder Schritt könnte mein letzter in dieser Festung sein.
Unten in der großen Halle höre ich Wachen lachen. Ich presse mich gegen die Wand, zähle ihre Stimmen. Vier. Vielleicht fünf. Zu viele, um unbemerkt hinauszukommen. Mein Blick wandert zu einem kleinen Krug, den jemand stehen gelassen hat, und werfe ihn mit aller Kraft in den Gang auf der anderen Seite. Das Klirren von zerbrechendem Ton hallt laut durch den Flur. Stimmen werden laut, Stühle rücken über den Steinboden.
Das ist meine Chance.
Ich laufe.
Durch die Halle, hinaus auf den Hof, vorbei an den Ställen. Meine Beine brennen, aber ich zwinge mich weiter. Die Burgmauer ist nicht mehr weit. Nur noch ein paar Schritte.
Doch als ich die Burgmauer erreiche, ist er bereits dort.
„Dachtest du wirklich, du könntest mich täuschen?" Seine Stimme ist wieder ruhig, fast amüsiert.
Ich balle die Fäuste. „Ich habe es zumindest versuchen müssen." Er tritt näher.
„Und wenn ich dich jetzt gehen lasse - würdest du wirklich fliehen?" Wir beide wussten die Antwort darauf und er holt meine Ketten hinter seinem Rücken hervor.
Nach meiner gescheiterten Flucht, scheint sich etwas in ihm geändert zu haben.
Er beobachtet mich jetzt anders. Nicht nur mit Kontrolle, sondern mit Neugier. „Warum kämpfst du so sehr gegen mich?", fragt er als wir allein sind. „Weil ich kein Besitz bin."
Er nickt langsam, als würde er etwas verstehen. „Das weiß ich längst." Seine Worte irritieren mich mehr, als sie sollten.
Ohne Worte begleite ich ihn den restlichen Tag in Ketten.
Die Nacht ist seltsam ruhig gewesen. Keine Auseinandersetzungen, keine unausgesprochenen Worte die zwischen und schweben wie Rauch in der Dunkelheit. Und doch liegt eine seltsame Spannung in der Luft als ich aufwache. Etwas ist anders.
Ich blinzle und lasse meinen Blick durch das Zimmer gleiten. Das Licht des Morgens fällt gedämpft durch die schweren Vorhänge, taucht alles in ein warmes, goldenes Schimmern. Doch dann stelle ich fest, dass er nicht abwesend ist wie die letzten Morgende, sondern auf dem Bett sitzt und mich beobachtet.
„Schön das du wach bist. Ich werde dir etwas zeigen."
Ich mustere ihn misstrauisch. „Was, wenn ich nicht will?"
Sein Mundwinkel zuckt. „Dann wirst du es nie erfahren."
Ich weiß nicht genau warum ich ihm folgen wollte, doch ich nickte, damit löste er meine Ketten von der Stange und er ging voraus. Vielleicht folgte ich ihm aus Neugier, vielleicht weil er keine Befehle gab, sondern weil ich die Wahl hatte.
Wir ritten aus der Stadt hinaus, begleitet nur von zwei Wachen, die diskret im
Hintergrund blieben. Der Weg führt uns fort von dem Stein und der Enge der Mauern, hinaus in das offene Land, wo die Hügel sanft in die Ferne rollen. Es ist still zwischen uns. Keine scharfen Worte, keine Reibereien. Nur das
Geräusch von Pferdehufen auf festem Boden, das gelegentliche Rascheln des Windes im Gras. Ich weiß nicht, wohin wir reiten oder warum - und vielleicht ist es das, was mich am meisten beunruhigt.
Schließlich erreichen wir eine Lichtung. Sie liegt versteckt zwischen hohen Bäumen, eine Oase aus Ruhe und unerwarteter Schönheit. In der Mitte steht ein kleines Haus aus dunklem Holz, von Efeu umrankt. Ich steige ab und beobachte den Ort mit gerunzelter Stirn. „Was ist das hier?"
Er steigt ebenfalls ab, doch er antwortet nicht sofort. Sein Blick wandert über die Lichtung, als wäre sie eine Erinnerung, die er noch einmal durchlebt. „Es gehörte meiner Mutter.", antwortet er schließlich. „Es war ihr Rückzugsort." Ich blinzle überrascht.
„Niemand kennt diesen Ort. Niemand außer mir."
Seine Stimme klingt ruhig, aber ich spüre, dass mehr dahintersteckt.
Ich folge ihm ins Haus. Es ist einfach eingerichtet, aber nicht ärmlich. Die Möbel sind alt, aber gepflegt, als hätte jemand immer wieder Staub gewischt, auch wenn niemand hier lebt.
Christiano zieht eine Hand über die Holzoberfläche eines kleinen Tisches, ein nachdenklicher Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Sie kam hierher, wenn sie Ruhe brauchte", erklärte er leise.
Ich lehne mich gegen den Türrahmen und muster ihn. Zum ersten Mal wirkt er nicht wie der unnahbare Herrscher, der mich kontrollieren will. Hier ist er nur ein Mann mit Erinnerungen.
„Warum hast du mich hergebracht?", wage ich schließlich zu fragen.
Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Dann sieht er mich an, und in seinen Augen liegt eine Ehrlichkeit, die ich nicht erwartet habe.
„Weil ich dich verstehen will. Und weil ich glaube, dass du mich vielleicht auch verstehen solltest."
Seine Worte lassen mich verstummen.
Ich habe ihn immer nur als den Mann gesehen, der mich gefangen hält, der mich lenkt und manipuliert. Doch jetzt, hier, an diesem Ort sehe ich zum ersten Mal etwas anderes.
Einen Menschen. Einen Mann, der mehr ist als nur sein Titel. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Also schweige ich und lasse den Moment einfach existieren.
Und zum ersten Mal ist Stille zwischen uns nicht bedrohlich - sondern ehrlich.
Wir verbringen den Tag in dem Haus, Christiano wirkt wie tief in Gedanken, als er die Haustür schließt und verriegelt. Er nimmt mir die Ketten ab - wortlos, fast beiläufig. Doch in der Geste liegt mehr als bloße Erlaubnis. Vielleicht ist es Respekt. Vielleicht nur ein Moment von Schwäche. Aber ich erkenne ihn - und vergesse ihn nicht. Es gibt viel im Haus zu entdecken und ich nehme mir die Zeit die Einzelheiten zu entdecken, die gerahmten Fotos im Wohnzimmer auf dem Kaminsims zum Beispiel, sie zeigen eine wunderschöne Frau, die von einem stattlichen und breiten Mann im Arm gehalten wird. Auf einem anderen Foto sind zwei Jungen zu sehen, die unter einem Baum stehen und frech in die Kamera grinsen.
Der Rückweg verläuft schweigend, aber nicht unangenehm. Die Stille zwischen uns hat sich verändert - ist weicher geworden, weniger wie ein Kampf, mehr wie ein Waffenstillstand. Erst als das Burgtor in Sicht kommt, verengt sich sein Blick wieder leicht. Die vertraute Kälte schleicht sich zurück, aber nicht vollständig.
Am nächsten Morgen holt uns die Realität mit leisen Schritten ein. Die Regeln sind wieder da - unsichtbar, aber spürbar. Und mit ihnen: das Spiel aus Kontrolle und Widerstand.
Ich sitze ihm gegenüber am langen Tisch, das Frühstück vor mir auf einer kunstvoll verzierten Platte angerichtet. Brot, frisches Obst, eine dampfende Schale mit einem Getränk, dessen Duft mir fremd ist. Ich spüre seinen Blick, doch ich ignoriere ihn.
Ich greife nach einem Stück Brot. Noch bevor es meine Lippen erreicht, höre ich seine Stimme - ruhig, aber unnachgiebig.
„Du weißt, dass du warten sollst."
Ich halte inne, meine Finger um das Brot geschlossen. Es ist kein Befehl, nicht direkt. Aber die Bedeutung dahinter ist klar. Ich soll warten, bis er das Mahl beginnt, mich seiner Etikette fügen, mich anpassen. Ein Teil seines Spiels werden.
Langsam senke ich die Hand auf meinen Teller, lehne mich in meinem Stuhl zurück und mustere ihn herausfordernd.
„Ich bin nicht deine Marionette." Meine Stimme ist ruhig, doch ich spüre das Feuer in meiner Brust, das Verlangen, ihn zu provozieren. „Ich esse, wann und wie ich will."
Seine Augen verengen sich. Ein leises Knistern liegt in der Luft, wie ein Sturm, der sich langsam zusammenbraut.
„Du forderst mich absichtlich heraus." Seine Stimme bleibt ruhig, fast amüsiert - aber ich erkenne den scharfen Unterton darunter.
„Und wenn?" Ich neige leicht den Kopf, spiele mit dem Rand meines Kelches, doch ich trinke nicht. „Wirst du mir das Essen verbieten? Wirst du mich bestrafen, weil ich nicht nach deinen Regeln spiele?"
Einen Moment lang sagt er nichts. Sein Blick bleibt auf mir, prüfend, lauernd. Ich weiß, dass er es hasst, wenn ich seine Kontrolle infrage stelle - aber genau das ist es, was ich will.
Dann lehnt er sich zurück, hebt mit bedächtiger Ruhe seinen eigenen Kelch und nimmt einen langsamen Schluck.
„Dann iss."
Seine Stimme ist leise, doch ich weiß, dass dies nicht das Ende ist. Dies war nur der erste Zug in einem Spiel, das noch lange nicht vorbei ist. Langsam greife ich wieder nach dem Brot - und beiße hinein.
Am Nachmittag wird die angespannte Stimmung zwischen uns durch einen unerwarteten Besucher unterbrochen - Lord Daemon. Er ist groß, kräftig und trägt ein arrogantes Lächeln, das mich sofort warnt. Seine Augen verweilen zu lange auf mir, gleiten über meine Gestalt mit offenkundigem Interesse. Er macht keinen Hehl daraus, dass er Frauen begehrt, die ihm nicht gehören - und jetzt bin ich das Objekt seiner Aufmerksamkeit.
„Christiano, du hälst ja einen wahren Schatz in deinen Hallen", sagt er mit einem überheblichen Grinsen. „Ich frage mich, ob du wirklich weißt, wie man damit umgeht."
Ich spüre, wie Christiano sich anspannt. Seine Haltung bleibt ruhig, aber seine Augen verengen sich gefährlich. „Sei vorsichtig mit deinen Worten, Daemon."
Doch Daemon lässt sich nicht abschrecken. Er tritt näher, vielleicht zu nah. „Vielleicht willst du mich herausfordern, hm? Oder vielleicht lässt du mich ein wenig Zeit mit ihr verbringen?" Seine Finger nähern sich meinem Handgelenk, kaum ein Lufthauch zwischen uns, doch die Nähe reicht bereits aus, um mich erschaudern zu lassen - nicht aus Furcht, sondern aus Ekel.
Christiano reagiert blitzschnell. Er packt Daemons Hand mit eisernem Griff, sodass dessen Lächeln gefriert. „Rühr sie nicht an." Seine Stimme ist leise, aber voller Gefahr. „Nicht, wenn dir dein Arm lieb ist."
Daemon lacht - ein Hauch von Unsicherheit schleicht sich in seine Miene. Doch Christiano lächelt nicht. Stattdessen tritt er einen halben Schritt vor, gerade so, dass Daemon unwillkürlich zurückweicht.
„Ich werde dir nur einmal sagen, wo deine Grenzen liegen. Missversteh meine
Zurückhaltung nicht als Schwäche."
Sein Ton ist ruhig, beinahe höflich - doch in seinen Augen liegt eine tödliche Kälte, die selbst Daemon nicht ignorieren kann.
Daemon hebt beschwichtigend die Hände. „Beruhige dich. Ich wollte nur sehen, wie ernst es dir ist." Doch seine Augen sagen etwas anderes - das ist noch nicht vorbei.
Als Daemon den Rückzugantritt und die Burg verlässt, ist der späte Nachmittag erfüllt von einer schweren Stille. Christiano führt mich in das riesige Bad. Sein Griff um mein Handgelenk ist fest, nicht grob aber bestimmt und ich folge ihm widerwillig. Die Vertrautheit der Umgebung beruhigt mich nicht, ganz im Gegenteil. Ich ahne, was kommen wird und das flammende Gefühl des Widerstands in mir lodert stärker, je näher wir dem Bad kommen.
„Wirklich?", frage ich schließlich, als wir die Tür passieren. „Ist das jetzt ein
Ritual oder einfach nur deine Art, mich zu ärgern?"
Ein amüsiertes Lächeln zuckt um seine Lippen und er schenkt mir einen beiläufigen Seitenblick. „Ärgern? Warum sollte ich? Du weißt doch, dass es nur zu deinem Besten ist."
Ich verschränke die Arme vor der Brust, als wir in den Dampf erfüllten Raum treten. Der Geruch von warmem Wasser und Kräutern hängt schwer in der Luft. „Ich denke, ich habe letztes Mal ziemlich deutlich gemacht, dass ich allein baden kann. Es ist nicht nötig, dass du hier bist."
Er schließt die Tür, bleibt stehen und dreht sich zu mir um, in seinen Augen liegt ein Funken von Geduld, die er sich offenbar auferlegt hat. „Und ich habe die erklärt, dass ich das nicht so sehe."
„Vielleicht sollte meine Meinung aber auch zählen?" Ich hebe herausfordernd das Kinn, doch er bleibt unbeeindruckt.
„Deine Meinung zählt", sagt er ruhig, ein Hauch von Spott in seiner Stimme. „Aber nicht in dieser Angelegenheit, nicht solange du unwissend bist. Also, was wird es sein? Mit Anstand ins Wasser oder willst du, dass ich dich trage? Ich schäle dich auch gerne im Wasser aus deinem Kleid."
Ich starre ihn an, entsetzt über seine Dreistigkeit. „Das wagst du nicht verdammt."
Er tritt einen Schritt näher, die Andeutung eines Grinsens auf seinem Gesicht. „Willst du es drauf ankommen lassen?"
Die Hitze der Verlegenheit steigt mir ins Gesicht und ich beiße mir auf die Lippe während ich meine Möglichkeiten abwäge. Es ist ein stummes Duell, mein Stolz gegen seine Unnachgiebigkeit und obwohl ich weiß, dass ich verlieren werde, gebe ich nicht nach.
„Ich könnte auch einfach gehen", murmle ich und drehe mich halb zur Tür, doch sein Blick, sein stiller, durchdringender Blick, hält mich zurück. „Das könntest du", sagt er leise, aber seine Stimme birgt eine unausgesprochene Drohung,
dass das Folgen hätte. „Aber du wirst es nicht tun."
Ein Seufzen entweicht meinen Lippen und ich rolle mit den Augen, bevor ich meinen Blick abwende. „Fein. Aber ich will, dass du Abstand hältst." Er lächelt, ein triumphierendes Lächeln, das mich beinahe dazu bringt, meine
Entscheidung rückgängig zu machen. „Vielleicht", sagt er und streift sein Hemd ab, wobei er den Blickkontakt keinen Moment lang bricht.
Ich drehe mich eilig um, die Wärme in meinem Gesicht kaum unterdrückend, während ich mich widerwillig aus meinem Kleid schäle. „Das ist doch Wahnsinn", knurre ich, halb zu mir selbst, halb zu ihm.
„Vielleicht", sagt er hinter mir, seine Stimme jetzt fast samtig. „Aber ein wenig
Wahnsinn ist genau das, was du brauchst."
Ich gleite ins Wasser, meine Bewegungen angespannt und werfe ihm einen giftigen Blick zu, als er sich nur einen Moment später entspannt neben mir niederlässt. „Zufrieden?", fauche ich.
Er lehnt sich lässig gegen den Beckenrand, sein Lächeln nun sanfter, aber nicht weniger triumphierend. „Fürs erste."
Ich presse die Lippen zusammen und blicke stur auf das glitzernde Wasser, doch tief in mir weiß ich, dass ich diesem täglichen Schlagabtausch nicht entkommen werde.
Wieder sitzen wir nebeneinander im warmen, dampfenden Wasser, doch diesmal verändert sich seine Haltung. Sie ist nicht verspielt oder spöttisch, sondern ernst und nachdenklich.
Der fast volle Mond, der durch das Glasdach zu sehen ist, taucht das Bad in silbriges Licht. Es wirkt beinahe magisch, unwirklich und ich kann meinen Blick kaum abwenden. Christiano folgt meinem Blick und nach einer Weile durchbricht er die Stille mit leisen Worten.
„Es sind noch drei Tage bis zum Vollmond", beginnt er, seine Stimme sanft aber fest, als wolle er mich auf das vorbereiten, was kommt.
„Ich weiß, was du über mich denkst", sagt er schließlich, leise. „Aber es gibt Dinge, die du über dich wissen solltest. Dinge, die selbst für mich schwer zu begreifen sind."
Sein Ton und die Schwere seiner Worte ziehen meine volle Aufmerksamkeit auf sich. „Was ich bin?", frage ich vorsichtig, mein Herzschlag beschleunigt sich, als ob mein Unterbewusstsein ahnen würde, dass seine Antwort alles verändern wird.
Er lehnt sich zurück, seine Schultern angespannt, doch seine Augen lassen mich nicht los. „Du bist kein Mensch Kate. Du bist etwas anderes, etwas Besonderes.
Einmaliges."
Seine Stimme ist ruhig, aber in ihr liegt ein Widerhall - als würde sie von etwas sprechen, das älter ist als Zeit.
Wie mechanisch schüttle ich den Kopf um diesen haltlosen Gedanken unweigerlich abzuschütteln bevor er auf etwas stoßen kann, was ihm Halt bieten könnte. „Da verwechselst …", doch er unterbricht mich.
„Deine Herkunft, was du bist…", setzt er an und stockt. So habe ich ihn noch nicht erlebt, er scheint mit sich selbst zu kämpfen.
„Nymphen sind mehr als nur ein Mythos. Und du bist eine von Ihnen."
Ich blinzle, unsicher ob ich ihn richtig verstanden habe. „Eine was? Du hast wohl irgendwas eingeschmissen, was auch immer es ist, ich möchte es auch." „Ich wünschte es wäre so.", mit einem leichten stöhnen stößt er den Atem aus.
„Eine Nymphe?", wiederhole ich als ich merke, wie ernst es ihm damit scheint. Der Begriff fremd und doch vertraut, wie ein Echo aus einem Traum. „Aber du bist nicht irgendeine Nymphe", fügt er hinzu, seine Stimme etwas leiser, als ob er den nächsten Satz mit Bedacht wählt. „Du bist eine Nachfahrin von Calypso." Der Name trifft mich wie ein Schlag. Geschichten von Calypso, der einsamen Verführerin, die Odysseus gefangen hielt, drängen sich aus meinem Gedächtnis in die Gegenwart. „Calypso… die Nymphe von Ogygia?", frage ich, mein Mund trocken.
Christiano nickt. „Ja. Sie, die durch ihre Einsamkeit und ihr Verlangen nach Nähe gleichermaßen verflucht war. Sie, die sich einen Sterblichen zunutze machte, um ihrem Leid zu entkommen."
Er hält inne, als ob er mir Zeit geben will, das Gehörte zu verdauen. „Aber was bedeutet das für mich?", meine Stimme zittert und ich klammere mich an die Ränder des Beckens, als ob die Wahrheit mich sonst überwältigen wird.
„Sagen sprechen von einer besonderen Verbindung, die Nymphen wie du zu ihrer Abstammung haben. In den drei Nächten um den Vollmond…" Er hält inne und ich sehe, wie er sich bemüht, die richtigen Worte zu finden.
„Es bedeutet, dass auch du verflucht bist", setzt er schließlich neu an. Seine Stimme ist ruhig, fast sanft, aber die Worte schneiden sich scharf in meine Gedanken.
„An deinem Achtzehnten Geburtstag bist du ausgereift, hat sich deine Natur vollendet. Seitdem bist du an den Vollmond gebunden. Drei Nächte im Monat - die Nacht davor, die Nacht des Vollmonds selbst und die Nacht danach - musst du einem Mann beiwohnen, um zu überleben."
Die Worte prallen gegen mich wie eine unbarmherzige Welle, die mit eiskalter
Kraft über mich hinwegbricht. Mein Körper wird schwer, als hätte sich das Wasser um mich herum im zähen Nebel verwandelt. Ich spüre, wie mein Atem flacher wird, mein Herz schneller schlägt. Meine Finger klammern sich unbewusst an den Rand der Wanne, als sie mich davor bewahren könnten, von dieser neuen Realität fortgerissen zu werden.
„Was… was passiert, wenn ich das nicht tue?" Meine Stimme ist nur ein Hauch, zerbrechlich in der schweren Stille, die auf uns lastet.
Sein Gesicht verhärtet sich. Seine Augen, eben noch von nüchterner
Sachlichkeit erfüllt, verdunkeln sich mit einer Tiefe, die ich nicht deuten kann. „Dann wirst du ein hohes Fieber bekommen. Dein Körper wird schwächer… und du wirst sterben."
Ich blinzele. Seine Worte hallen in mir wider, doch mein Verstand weigert sich, sie zu greifen. Ich versuche, sie abzuwehren, als wären sie nicht real, als könnte ich sie zurückdrängen, wenn ich sie nur nicht akzeptiere.
Christiano hebt den Blick, nur einen Moment, als würde er nach Worten suchen, nach einer Erklärung, die er selbst nicht gern ausspricht. Doch als er wieder zu mir sieht, ist seine Haltung unverändert - aufrecht, beherrscht, unerbittlich.
„Die Sagen, die ich gehört habe… Sie sind nicht weit verbreitet", fährt er fort.
„Viele halten Nymphen für Märchenfiguren - Geschichten, selbst in meiner
Welt. Aber ich weiß, dass sie echt sind. Dass du echt bist."
Mein Blick wandert ungestört über die Oberfläche des Wassers. Die Wärme, die meinen Körper eben noch entspannt hatte, fühlt sich plötzlich erdrückend an. Die Tropfen auf meiner Haut scheinen wie feine Fäden zu sein, die mich fesseln, mich an diese unausweichliche Wahrheit binden.
Er mustert mich genau, als ob er jede Regung, jedes unbewusste Zittern meines Fingers analysiert. Dann spricht er weiter, langsam, eindringlich, als wolle er mir keine Illusion lassen.
„In den drei Vollmondnächten… sollen die Nymphen laut den Sagen mehr als willig sein." Seine Stimme ist ruhig, aber darunter liegt eine Schwere, ein unausgesprochener Nachhall, den ich nicht deuten kann. „Sie verspüren eine unstillbare Lust, ein Verlangen, das sie nicht kontrollieren können." Es ist keine Wahl. Kein Instinkt, den man unterdrücken kann. Es ist etwas, das sich in deinem Blut verankert hat, ein Bedürfnis, das mit jeder Stunde dieser Nächte stärker wird, bis es nicht mehr ignoriert werden kann."
Mein Atem stockt. Hitze steigt mir in die Wangen, nicht wegen des Wassers, sondern wegen der Bedeutung seiner Worte. Ich wende den Blick ab, fixiere das sanfte Kräuseln des Wassers, das meine Finger umspielt.
„Das klingt … unwirklich", flüstere ich. Doch selbst während ich es sage, spüre ich die Wahrheit wie eine dunkle, drohende Welle über mir schweben - bereit, mich mit sich zu reißen.
Er beobachtet mich aufmerksam, seine Augen sind dunkler geworden. „Es mag unwirklich klingen, aber die Geschichten sind eindeutig. Sie beschreiben ein Bedürfnis, das über den eigenen Willen hinausgeht. Einen Drang, der … befriedigt werden muss um zu überleben."
„Und du glaubst das?", meine Stimme zittert leicht, obwohl ich versuche, die Fassung zu bewahren.
Er zögert einen Moment bevor er antwortet. „Es ist nicht meine Aufgabe, es zu glauben oder nicht. Aber ich habe genug gesehen, um zu wissen das etwas Wahres an diesen Sagen ist. Es gibt so vieles, das wir nicht verstehen, so vieles das im Verborgenen bleibt."
Die Worte hallen in mir wider und meine Gedanken wirbeln chaotisch durcheinander. Die Bedeutung seiner Offenbarung ist überwältigend und ich fühle mich, als würde der Boden unter mir weggezogen. „Und du wusstest das die ganze Zeit?", flüstere ich.
Er nickt langsam. „Ich wusste es in dem Moment, als ich dich zum ersten Mal berührte. Es war, als ob ich ein Feuer spürte, das in dir schlummert, ein Feuer, das nur Calypsos Nachfahren besitzen."
„Warum weiß niemand sonst davon?", fragte ich, meine Stimme jetzt fordernder.
Er zögert.
„Weil es dich verletzbar macht. Wenn jemand wüsste, was du bist, würden sie dich für sich beanspruchen wollen. Deshalb habe ich darauf bestanden, dass du unter meinem Schutz stehst. Niemand darf dich berühren. Niemand außer mir."
Ich erinnere mich plötzlich an die Wache, die mich aus der Dunkelheit holte, wie er sorgfältig darauf geachtet hat, mich nicht zu berühren. „Du hältst es geheim, um mich zu schützen?"
„Ja", sagt er, aber seine Stimme wird härter. „Doch es gibt noch mehr. Wir Skinwalker - besonders wir Panther - haben eine Natur, die nicht zahm oder sanft ist. Unsere Frauen wählen ihre Partner durch ihre Wehrhaftigkeit, ihre Stärke. Sie verteidigen sich bis zur letzten Sekunde. Lassen sich nur von dem Partner ihrer Wahl nehmen. Aber du…" Er macht eine Pause und ich sehe wie seine Hände sich zu Fäusten ballen. „In diesen drei Nächten bist du anders. Dein
Drang wird dich überwältigen und in diesen Momenten könntest du leicht zur Beute werden."
Seine Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht und ich wende meinen Blick ab. „Du meinst, ich bin ihnen ausgeliefert?"
„Nicht, solange ich da bin", sagt er leise - aber mit einer Schärfe, die keinen Zweifel lässt. „Ich werde dich nicht teilen. Du gehörst mir. Und in zwei Tagen wirst du erwachen."
Seine Stimme ist leise, aber seine Augen glühen - nicht aus Besitzanspruch, sondern aus einer uralten, wilden Entschlossenheit.
„Es wird kein einfacher Weg für dich sein. Aber du wirst lernen, was es bedeutet."
Tränen steigen mir in die Augen, doch ich blinzle sie fort.
Ich blicke ihm in die Augen, versuche die Wahrheit in seinen Worten zu finden, während ein Teil von mir gegen das Wissen rebelliert, das er mir offenbart hat. Doch tief in mir weiß ich, dass er nicht lügt und das macht es umso schwerer zu ertragen. Ich darf nicht nachgeben. Nicht jetzt. Noch nicht.
Während ich mich wie gewohnt auf den Diwan zurückziehen will, hält er mich mit einem einzigen Wort auf. „Nein."
Ich drehe mich zu ihm um. „Nein?"
„Heute schläfst du hier." Er deutet auf das große Bett in der Mitte des Raumes.
Mein Trotz flackert sofort auf. „Ich schlafe, wo ich will."
Er tritt näher, seine Miene reglos. „Nicht heute Nacht."
Ich verschränke die Arme, meine Stimme schneidend. „Warum? Weil du es sagst?"
„Ja.", antwortet er knapp und ohne zu zögern. „Und weil ich dir keine Wahl lasse."
Wut flammt in mir auf, doch ich weiß, dass ich ihn diesmal nicht so leicht umgehen kann. Er macht einen Schritt auf mich zu, hebt die Hand - nicht bedrohlich, aber bestimmend. Dann greift er nach meinem Kinn, zwingt mich ihn anzusehen.
„Ich dulde keinen Widerspruch und ich dulde nicht, dass jemand wie Daemon glaubt, er könne dich für sich beanspruchen. Also wirst du heute Nacht in meinem Bett schlafen - nicht, weil ich es will, sondern weil es nötig ist." Ich will protestieren, mich losreißen, aber sein Griff ist fest. Aber als ich in seine Augen blicke, sehe ich keine Bosheit - nur Kontrolle. Dominanz. Und etwas, das ich nicht benennen kann.
Schließlich lässt er mich los. „Widersetze dich weiter, wenn du willst. Aber das wird nichts ändern."
Ich stehe lange still, bevor ich schließlich mit trotzig erhobenem Kopf zum Bett gehe. Ich lege mich hin, drehe ihm den Rücken zu - doch mein Körper ist angespannt, mein Herz rast.
Er löscht das Licht, doch ich spüre seine Präsenz, seine Wärme neben mir. Ein Machtkampf - selbst jetzt, selbst im Schlaf. Das wird eine lange Nacht.


